MALER DES  UNSICHTBAREN
Graham Johnson

"GRAHAM JOHNSON? Kenn ich nicht, wer soll das sein?", fragt die Rezeptionistin am Zellbiologischen Institut in La Jolla, San Diego. Sie blättert in Zetteln und schüttelt den Kopf. "Ich glaube nicht, dass wir hier einen Johnson haben. Was kann der denn?" Graham Johnson, 32 Jahre alt, ist medizinischer Illustrator, Zeichner. Er ist gut in seinem Job. Für die Darstellung einer synaptischen Verbindung im Gehirn hat er vergangenen September die so genannte Wisualization Challenge" des Fachmagazins Science gewonnen. "Manche der beeindruckendsten Aussagen der Wissenschaft sind nicht an Worte gebunden", hieß es bei der Preisverleihung, und niemand könne das im Augenblick so gut umsetzen wie Johnson. "Ach der", sagt die Rezeptionistin und holt tief Luft. "Im Keller, letzte Tür links." Dass Graham Johnson niemand ist, der durch Ausstrahlung auffällt, wird klar, wenn man ihn zum ersten Mal sieht. Der Mann ist so auffällig wie eine Zeitung in einem Altpapiercontainer. Normalgroß, normalschlank, normaler Händedruck, kurze Haare, auch eher normal geschnitten, Jeans, Sweatshirt, gesehen und vergessen. Eindruck macht er durch seinen Job: Er ist auf die Darstellung von Zellen und Molekülen und Nerven und deren Reaktionen miteinander spezialisiert. Wie zeichnet man Zellen, Herr Johnson? Und Synapsen? Wie malt man eine chemische Reaktion im Gehirn? Graham Johnson steht in der Tiefgarage des Instituts, vor seinem Büro, das zwischen zwei Mülltonnen und einer Reihe Autos versteckt liegt. Er sagt: "Das ist nicht so schwer." Alles beginnt mit einem Stift und einem Stapel Papier. Johnson zeichnet.
Allerdings nicht das, was er sieht, denn Zellen kann man nicht fotografieren und Synapsen nicht unter das Mikroskop legen. Sie zu visualisieren ist ein höchst umständlicher Prozess. Röntgenstrahlen oder das elektromagnetische Echo von Atomkernen werden dazu benutzt, die Anordnung der Atome in einem Molekül zu lokalisieren. Daraus wiederum ergibt sich eine Liste aller Koordinaten für jedes Atom, die erlaubt, die Oberfläche und das Aussehen eines Moleküls auszurechnen. So wird etwas sichtbar, das eigentlich unsichtbar ist.
Eiweiß und Kinesin
Johnson arbeitet zudem mit den Wissenschaftlern eng zusammen, er liest jede Menge Fachliteratur. "Mindestens 70 Prozent meiner Arbeit sind Wissenschaft", sagt er. "Manchmal fühle ich mich wie ein Seefahrer, der ständig neues Land entdeckt." Johnson trägt die Daten zusammen, setzt sie ins Verhältnis zueinander, zeichnet Bilder anhand dieser Daten, jede Zelle ein kleines Bild, jeder Vorgang eine kleine Animation, und fügt die vielen Bilder zu einem großen Ganzen zusammen. Er hat die Freiheit, das Bild so zu zeichnen, wie er will, Nerven und Synapsen so anzuordnen, wie er das gern möchte. Aber was am Ende zu sehen ist, muss im richtigen Verhältnis zueinander stehen und der realen Funktion entsprechen. Die Kunst soll schließlich der Wissenschaft dienen, nicht umgekehrt. Am Ende des Prozesses wird das Bild am Rechner koloriert und dreidimensional dargestellt. "Das war's schon." Es klingt wie "Das Wetter ist schön". Das dauert je nach Größe des Bildes bis zu vier Wochen. Das Bild ist dann auf das Wesentliche reduziert.
"Umsichtig gewählte Balance zwischen Genauigkeit und Schönheit", heißt es dazu im Urteil von Science. Denn Johnson hat die Verbindungen zwischen den Neuronen in seiner prämierten Darstellung auf etwa 30 Prozent der Originaldaten reduziert. Sonst hätte man aufgrund der Menge der Synapsen gar nichts erkennen können.
DNS und Protein-Baupläne
Medizinische Zeichner müssen verstehen, was sie zeichnen. Sie müssen vereinfachen, um die Komplexität des Körpers erklären zu können. "Ich bin mehr Künstler als Wissenschaftler", sagt Johnson, mittlerweile in seinem Büro. Es sei das schlechteste im Gebäude, sagt er. Keine Fenster, nur über die Tiefgarage zu erreichen und so klein, dass man mit ausgestreckten Armen beide Wände fast gleichzeitig berühren kann. Man müsse sich im Laufe der Zeit hocharbeiten, im wahrsten Sinne des Wortes. Er sei noch nicht so lange am Institut, acht Monate. "Eigentlich würde ich am liebsten immer Hochglanzkunst machen, eben Kunstwerke schaffen, so wie für Science." Seine Bilder sollen erklären, ohne dass jemand reden muss. "Ich kann gut leben mit dem, was ich tue. Ich bin kein verbitterter Mensch, der lieber Künstler wäre, aber dummerweise Wissenschaft zeichnen muss." Nachdem Johnson den Preis gewonnen hatte, gab es Anfragen von Privatleuten, er sollte ihnen Zellen malen für das Wohnzimmer, Nerven für die Küche. Johnson hat alles abgelehnt. "Ich weiß gar nicht, ob ich mich dafür motivieren könnte." Wenn das Bild nur für private Zwecke gedacht ist, gibt es zu wenig Publikum, dem etwas erklärt werden könnte. "Die meisten meiner Kollegen malen Knochen und tote Tiere für Schulbücher. Das war mir immer zu langweilig.
Ich wollte nicht überlegen, wie ich etwas anders zeichnen kann, das schon 500 Jahre vor mir gezeichnet wurde." Spezialisierung lernt man nicht in der Ausbildung, dort lernt man das Handwerk: Freihandzeichnen, naturalistisches Malen, archäologische Illustration, medizinische Illustration, zoologische Illustration, Museologie, immer sehr theoretisch. Die Ausbildung dauert vier Jahre. "Meine Spezialisierung ist nahezu eine Jobgarantie für mich, weil immer mehr über Zellen bekannt wird." Er grinst breit. In seiner bisherigen Karriere ist nichts schief gegangen. Während seiner Ausbildung in Baltimore lernte er einen Zellbiologen kennen, der gerade an einem Buch arbeitete. Johnson durfte gleich das ganze Buch illustrieren, 850 Seiten, 400 Illustrationen, vier Jahre Arbeit. Der Biologe ging nach San Diego, Johnson folgte ihm, das Institut stellte ihn an. Alles einfach, alles immer nach oben. Ja, ja, stimmt schon", sagt er. "So richtig schwierig war das bis jetzt noch nicht. Ich hatte Glück", er macht eine Pause, "aber ich bin auch gut." Das Schwierigste sei gewesen, den Beruf überhaupt zu finden. "Ich fand Naturwissenschaften immer gut, aber Kunst auch. Ich konnte mich lange nicht entscheiden, was ich machen soll. Ich habe sogar einen Kurs besucht, "Berufsfindung". Da habe ich zum ersten Mal von einem Job namens Medizinischer Illustrator gehört. Und das hat gepasst. Erstaunlich, oder?" Er macht das nun seit annähernd zehn Jahren, aber seine Motivation ist die gleiche geblieben: Wissenschaft erklären. Zurzeit arbeitet Graham Johnson an seinem ambitioniertesten Projekt, einer Software, die Ärzten zeigen soll, wie sich ein Virus in den Blutbahnen des Körpers bewegt. Das hat weniger mit Kunst zu tun als mit praktischer Wissenschaft und Virenmodellen aus Kunststoff, die er baut, und noch viel mehr mit Arbeit am Computer, wegen der Animationen. Der Künstler in Johnson macht erst mal Urlaub.

Philipp Kohlhöfer
© Zeit-Wissen 4/2006
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